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Marieke Steinhoff / Schnitt
Milch und Poesie

Zweieinhalb Minuten lang passiert fast gar nichts. Ein alter Mann sitzt in einem Garten am Tisch und schreibt. Im Hintergrund positionieren sich zwei Männer und eine Frau und warten. Kein Schnitt, keine Musik, keine Kamerabewegung, keine Verortung. Dann die nächste Einstellung: Ein Feuer wird gemacht, ein Seil am Baum befestigt, eine Frau wird kopfüber aufgehängt, das Gesicht direkt über dem Rauch, quälender Husten, noch mehr Husten, es folgt das langsame Herauswürgen einer Schlange aus dem Halse des Mädchens. Abblende, Titel und Credits, die eigentliche Geschichte beginnt. Es folgen Bilder eines Alltags zwischen landwirtschaftlicher Arbeit und nächtlicher Schreiberei; der junge Melker und Poet ist der zwanzigjährige Yusuf, der mit seiner Mutter am Rande einer anatolischen Kleinstadt lebt und dort gefangen ist in der Eintönigkeit ländlichen Lebens. Der Einberufungsbescheid des Militärs bietet einen Ausweg, Yusuf muß zum Eignungstest in die Großstadt, lernt dort ein Mädchen kennen, und für einen kurzen Moment scheint es, als könne er seinem Leben eine neue Richtung geben. Aber Yusuf wird ausgemustert und kehrt zurück zu seiner Mutter – der Übergangsritus ist gescheitert.

Nach Yumurta (»Ei«) ist Süt (»Milch«) der zweite Teil einer Trilogie des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu über Yusufs Leben in Zentralanatolien. Vordergründig geht es in Süt um Yusufs Jugendjahre und den Schwellenzustand zwischen Kindsein und Mannwerdung, die Identitätssuche wird aber gleichzeitig gespiegelt im Konflikt einer Region zwischen Tradition und Moderne, deren Bewohner tiefgreifenden Veränderungen unterworfen werden und die ihren Platz neu finden müssen.

Kaplanoglu hat für dieses Sujet eine sehr eigenwillige Bildsprache gewählt: lange Einstellungen ohne jegliche Dynamik, kaum Nahaufnahmen, assoziative Bilder, die mehr Fragezeichen denn Erkenntnis auslösen. Ruhigen Alltagsbeobachtungen ohne viel Dialog folgen surreale Ereignisse, die bedeutungsschwer einen Metakommentar zum Themenkomplex von Süt bilden, aber direkte Bezüge vermissen lassen. So kann man sich an der strengen Schönheit der Bildkompositionen erfreuen, weniger aber funktioniert die Anteilnahme an der emotionalen Entwicklung Yusufs und der seiner Mutter – ihr jeweiliger Kampf um erwachende Männlichkeit und wiederentdeckte Weiblichkeit bleibt merkwürdig leidenschaftslos, und so verharrt Süt etwas zu sehr an der bildlichen Oberfläche, ohne wirklich Einblicke in seine Figuren zu gewähren.